Da staunt selbst „Gitarrengott“ Clapton

Aachener Zeitung vom 15.07.2006. Von Axel Borrenkott.

12 000 Zuschauer beim Konzert in der Kölnarena. Zwölfköpfige Band sorgt für wuchtige Begleitung. Nachwuchs beeindruckt.

Köln. Einmal den gleichen Gedanken haben wie Eric Clapton, wenn man ansonsten nur staunen kann, wie der durchs Leben und übers Griffbrett kommt. „Woher komme ich, und wo bin ich hier?“ In Locarno hatte er gerade gespielt, davor in Verona, Perugia und Lucca. Traumhafte Plätze also unter Italiens freiem Himmel. Da rieselt der Blues von alleine herab. Und nun die Kölnarena, eine Halle mit dem Charme eines Universalwerkzeugs, für alles brauchbar und für nichts so ganz tauglich.

Den Geist der Kölner Haie und Höhner hatte zum Glück schon die Robert Cray Band als Vorgruppe vertrieben. Wobei dem exquisiten Gitarristen und Sänger mit dem Titelsong seiner aktuellen CD „Twenty“ das intensivste Stück des ganzen Abends gelang, weil die Musik zum Text drängte, und umgekehrt. Es geht um einen jungen US-Soldaten, der nach dem 9. September im Krieg verheizt wird.

Keine Politik

Von solcher Dramatik ist Eric Clapton, der von Politik in der Musik auch gar nichts hält, meilenweit entfernt. Er erzählt aber auch keine Geschichten mehr. Seine alten Gassenhauer wie Motherless children, After midnight oder Cocaine kommen mit der ungeheuren Wucht einer zwölfköpfigen Band mit Bläsersatz (Kick Horns), zwei Background-Sängerinnen und zwei Tastenleuten daher. Und drei Gitarristen können sich solistisch austoben, dass einem immer mal wieder der Mund offen steht. Und wenn Clapton die Feuerzeug-Ballade Wonderful tonight anstimmt, die er vor 30 Jahren mal einer Schönen widmete: auch dann geht es heute vor allem darum, dem Stück eine neue spieltechnische Raffinesse abzugewinnen.

Und da hat Clapton mit seiner neuen Band einen genialen Griff getan. Derek Trucks, ein 27-jähriges Milchgesicht, holt aus seiner feinen Klampfe Töne heraus, die auch einem Gitarrengott wie Clapton verborgen geblieben sind. Der Neffe des Allman-Brothers Schlagzeugers Butch Trucks spielt vermutlich Gitarre, seit seine Mutter ihn von der Brust abgesetzt hat. Jedenfalls kann ihm seine Art zu spielen (ganze Tonschauer nur mit dem Glasröhrchen auf dem Ringfinger und in offener Stimmung) niemand beigebracht haben. Clapton überlässt ihm viel und manch bewunderndes Lächeln dazu. An die endlosen Gitarren-Duelle der Allman Brothers erinnerten auch lange Passagen mit dem dritten, gleichfalls ganz originären Gitarristen Doyle Bramhall, der schon seit ein paar Jahren dabei ist.

Tournee-Routine

Ein absoluter Genuss war dieses Zusammenspiel in den beiden einzigen Stücken, in denen die Band mal spürbar aus der Tournee-Routine herausfiel und gut durchatmete, bei Old Love und in einem endlosen 6/8 Blues Why does Love got to be so sad?.

Im Übrigen lief der hochkarätige Bluesgenerator im programmierten Zeittakt, nichts dem Zufall überlassend, was vor allem beim heutzutage obligaten „und jetzt vier Stücke im Sitzen“-Teil arg auffällig war. Stühle hin, akustische Gitarren her, zack zack, Stühle wieder weg, Maschine wieder los.

„Und jetzt müssen aber mal die Oldies kommen“, brummt ein Reihennachbar. Und dann kommt Layla, und endlich Bewegung in die Stuhlreihen. Einer Frau nebenan, so Mitte fünfzig, hält es den Kopf nicht mehr auf dem Hals, ihre Tochter, so Mitte zwanzig, schmunzelt gnädig. Dann ist Layla vorbei und im fahlen Gesicht der Frau meint man die Jahre zu sehen, die auch vorbei sind. Dann macht Clapton, 61 Jahre und kürzlich drei Töchter gezeugt, noch mal richtig Dampf mit der eingeplanten Zugabe Crossroads. Dann eilt die eine Hälfte der 12 000 ins Parkhaus, die andere zur S-Bahn.