Rolling Stones - US Tour 1969 (Rückblick)

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trablu
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Rolling Stones - US Tour 1969 (Rückblick)

Beitrag von trablu » Do 7. Nov 2019, 01:53

Heute vor 50 Jahren, am 07. November 1969, begann in Fort Collins (Colorado) die sechste US-Tour der Rolling Stones. Eine Konzertreise, die vier Wochen später, am 06. Dezember durch ihren Abschluss auf dem Altamont Raceway in Livermore (Kalifornien) eine der legendären Tourneen in der Geschichte der Rockmusik werden sollte.

Am 09. Juni hatten die Stones in einer offiziellen Pressemitteilung bekannt gegeben, dass Brian Jones mit sofortiger Wirkung die Band verlässt. BEGGARS BANQUET war das letzte Album, auf dem er komplett mitspielte. Aber nur noch in untergeordneter Rolle. Mick Jagger und Keith Richards hatten die Rolling Stones übernommen.

Kurz nach der Pressemitteilung, am 13. Juni wurde auf einer Pressekonferenz im Hyde Park der zuvor bei John Mayall´s Bluesbreakers spielende Mick Taylor als Jones Nachfolger vorgestellt.
Jagger hatte Mayall nach einer Empfehlung für einen Gitarristen als Nachfolger für Jones gefragt. Und Mayall, der meinte, es sei bei den Bluesbreakers mal wieder Zeit für eine Umbesetzung, hatte Taylor einfach an die Stones weitergereicht. Mick Taylor war 20 Jahre alt.
Zudem wurde auf der Pressekonferenz das Comeback der Stones als Konzert mit freiem Eintritt angekündigt. Ebenfalls im Hyde Park.

Die Beatles hatten drei Jahre zuvor ihre Tourneen endgültig beendet und konzentrierten sich nur noch auf Studioaufnahmen. Die Rolling Stones hatten auf ST. PEPPER´S LONELY HEARTS CLUB BAND als Antwort das unglaublich phantasielose THEIR SANTANIC MAJESTIES REQUEST veröffentlicht. Und ein Jahr später das Meisterwerk BEAGGARS BANQUET.
Jetzt wollten sie beweisen, dass sie noch als Liveband funktionierten.

Am 03. Juni, zwei Tage vor dem Hyde Park-Konzert, ertrank Brian Jones unter Drogeneinfluss in seinem Swimmingpool. Die Sixties hatten ihren ersten prominenten Drogentoten.

Das Konzert im Hyde Park am 05. Juni wurde zu einer Gedenkveranstaltung für Brian Jones. Mit wohl über 250.000 Zuschauern, die Zeuge wurden, wie sich die Stones, deren letztes Konzert in Cardiff im Oktober 1966 über zwei Jahre zurücklag, ihren Ruf als „greatest rock ´n roll band oft the world“ zurückeroberten.
Alexis Korner eröffnete, Jagger rezitierte ein Gedicht, Schmetterlinge stiegen auf, die Stones spielten und Donovan verzichtete auf seinen Auftritt nach den Stones.
Ein verschwindend geringer Teil des Publikums zog nach dem Konzert weiter in die nahe gelegene Royal Albert Hall. The Who spielten TOMMY.

Am 21. Juli landete Apollo 11 auf dem Mond.
Am 09. August wurde nahe Los Angeles die hochschwangere Sharon Tate, Filmschauspielerin, Model und Ehefrau des Filmschauspielers und Regisseurs Roman Polanski von Mitgliedern der sogenannten „Manson Family“ ermordet.
Vom 15. bis 18. August fand in Bethel (New York) das Woodstock Festival statt. Durch den gleichnamigen Film und einem 3 LP-Set, dem noch ein 2 LP-Set nachgeschoben wurde, hatte „Peace & Love“, der Slogan der Hippie-Kultur, endgültig seine Glaubwürdigkeit verloren.

Am 07. November begann dann in Fort Worth die US-Tour der Rolling Stones.
Enden sollte die Tour ursprünglich am 01. Dezember in Palm Springs (Florida). Doch Jagger, inspiriert durch das Woodstock Festival, wollte eine Art „Gegenfestival“ an der Westküste. Mitten im Zentrum der Flower Power-Szene. Im Golden Gate Park in San Francisco. Mit den dort ansässigen Bands wie Crosby, Stills, Nash & Young und Jefferson Airplane als Vorprogramm und den Rolling Stones als absolutem Headliner. Während die Tour ihren Lauf nahm, versuchte man also in San Francisco Jaggers Wunsch nachzukommen. Erfolglos.
Mit dem Fortlauf der Tour näherte man sich dem Albtraum Altamont und – nicht nur kalendarisch – dem Ende der Sechziger.

Die Stones verlangten 1969 mit bis zu 8,50 $ die damals höchsten Eintrittspreise.
Dafür bekam man bis zu zwei hochkarätige Vorgruppen und gut eine Stunde Stones live. Ohne Zugaben. Die wurden bei den Stones erst in den Siebzigern eingeführt.

Nach einem wechselnden Vorprogramm von Chuck Berry, B.B. King, Terry Reid und Ike & Tina Turner spielten die Rolling Stones dann eine „basic setlist“ aus folgenden Songs:

JUMPIN´ JACK FLASH / CAROL / SYMPATHY FOR THE DEVIL / STRAY CAT BLUES / PRODIGAL SON / LOVE IN VAIN / UNDER MY THUMB / MIDNIGHT RAMBLER / LIVE WITH ME / LITTLE QUEENIE / SATISFACTION / HONKY TONK WOMEN und STREET FIGHTING MAN

Ergänzend oder ersatzweise wurden gespielt:

I´M FREE / GIMME SHELTER / YOU GOTTA MOVE

Eine Setlist, die sich vorrangig an dem aktuellen Album BEGGARS BANQUET orientierte. Das Nachfolgealbum LET IT BLEED wurde in den USA am 29.11.69 veröffentlicht – als die Stones zwei Tage vor dem eigentlich geplanten Abschluss in Palm Springs eine afternoon und eine evening show in Boston spielten.
HONKY TONK WOMEN war mit YOU CAN´T ALWAYS GET WHAT YOU WANT (in einer gekürzten Version) als Single veröffentlicht worden, LOVE IN VAIN, MIDNIGHT RAMBLER, LIVE WITH ME und GIMME SHELTER folgten auf LET IT BLEED, und YOU GOTTA MOVE zwei Jahre später auf STICKY FINGERS. Wie auch BROWN SUGAR mit seiner Livepremiere in Altamont.

Die Musik der Stones traf 1969 in den USA auf eine Stimmung, die im Umbruch war. Durch die Mondlandung hatte man im Kalten Krieg einen Etappensieg errungen. Durch den Mord an Sharon Tate zeigte die andere Seite der Flower Power-Bewegung ihre hässliche Fratze. Das Woodstock-Festival konnte das puritanische Amerika nur als Kriegserklärung verstehen. Obwohl die Ursprungsidee eine ganz andere war: Eine Werbeveranstaltung für ein Aufnahmestudio, das in Bethel eröffnet werden sollte.
Und nicht zu vergessen: Das militärische „Engagement“ der USA in Südostasien. Durch die beginnende Traumatisierung durch den Vietnamkrieg auf der einen und die immer noch andauernden Rassenunruhen auf der anderen Seite war die us-amerikanische Gesellschaft tief gespalten.
Die Nachrichten aus Europa klangen auch beunruhigend: Studentenunruhen in Frankreich und Westdeutschland, der Prager Frühling in der Tschechoslowakei...

... und auf den Konzertbühnen Nordamerikas warb Mick Jagger um SYMPATHY FOR THE DEVIL.

Gegen Ende der Tour wurde es dann immer klarer, dass das „Woodstock der Westküste“ nicht in San Francisco stattfinden konnte. Aus Angst vor dem sich mit den zu erwarteten Zuschauermassen anbahnenden Chaos.
Die Organisatoren standen völlig unter Druck und fanden einen Ersatz: Zuerst den Searspoint-Speedway, und – als die Vertragsverhandlungen scheiterten – den Altamont Raceway. Eine völlig heruntergekommene Autorennstrecke im geografischen Nichts. Und weil der endgültige Auftrittsort erst am Tag vor dem Konzert feststand, als die Zuschauer aus allen Teilen der USA bereits auf dem Weg nach – wohin? – waren, brach das organisatorische Chaos schlimmer als befürchtet aus.
Ein Verkehrschaos sondergleichen. Die Straße(n) zum Konzertgelände waren hoffnungslos überlastet. Und durch das Nichtdurchkommen fehlte es auf dem Gelände an allem.
Ein Konzert, dass unbedingt hätte abgesagt werden müssen. Aber es war zu spät.

Die Beteiligten in Altamont waren – neben den Stones als Headliner – die Vorgruppen The Flying Burrito Brothers, Crosby Stills Nash & Young, Grateful Dead, Jefferson Airplane und Ike & Tina Turner sowie die Hell´s Angels California und 300.000 Zuschauer. Zudem ein Filmteam, dass das „Ereignis“ für den Kinofilm GIMME SHELTER (auch als Gegenstück zu WOODSTOCK) filmen sollten.
Durch die guten Erfahrungen mit den Hell´s Angels als Ordner im Hyde Park kam das Management der Stones auf die Idee, das Original für die gleiche Aufgabe auf dem Altamont Raceway zu verpflichten. Trotz eindeutiger Warnungen aus San Francisco.

Der Tag des Konzertes war eigentlich nur beherrscht durch die Gewalt die vorrangig von den Hell´s Angels ausging. Ihre Entlohnung bestand aus einer Wagenladung Bier, die sie vor Ort erhielten.
So nahm die Katastrophe ihren Lauf. Die Angels beherrschen Bühne und Publikum und riefen die (= ihre) Anarchie aus. Das Publikum und die Musiker wurden gleichermaßen bedroht.
Musik wurde zur Nebensache.

Als die Stones dann irgendwann auf der völlig ungesicherten Bühne standen, spielten sie im wahrsten Sinne des Wortes um ihr Leben. SYMPATHY FOR THE DEVIL umgeben von Gewalt jeglicher Art. Die Musik wurde von Jagger immer wieder unterbrochen, um deeskalierend sowohl auf das Publikum wie auch auf das Sicherheitspersonal einzuwirken. Vergeblich.
Vor der Bühne wurde ein afroamerikanischer Besucher von einem Höllenengel ermordet.
Ein Besucher ertrank in einem Kanal und zwei weitere kamen durch einen Verkehrsunfall mit Fahrerflucht ums Leben.

Altamont war das Ende der Sixties. Love & Peace waren gescheitert.

Die US-Tour 1969 wurde durch das in New York im Madison Square Garden und in Baltimore im Civic Center aufgenommene Livealbum GET YER YA-YA´S OUT und durch den vorrangig in Altamont gedrehten Musikfilm GIMME SHELTER für die Ewigkeit erhalten.

GET YER YA-YA´S OUT zählt für viele mit zu den besten Livealben aller Zeiten. Trotz massiver Nachbearbeitungen im Studio. Mit einer Spielzeit von 48 Minuten dokumentiert das Album 2/3 eines Auftritts der Stones.
Ursprünglich als Doppel-LP geplant – je eine Seite B.B. King und Ike & Tina Turner und zwei Seiten Stones.
Die Plattenfirma lehnte mit der Begründung ab, dass sich eine Doppel-LP nicht verkaufen würde.

GIMME SHELTER zeigt dokumentarisch und voyeuristisch bis an jegliche Grenze des Erträglichen gehend, was an dem Tag passierte. Allein der Mord vor der Bühne ist mehrfach im Detail (inkl. Zeitlupe!) zu sehen. Trotzdem: GIMME SHELTER sollte man zumindest einmal gesehen haben. Als Gegenstück zu WOODSTOCK.

Und der Albumtitel LET IT BLEED wirkt, angesichts der Tatsache, dass das Album in Großbritannien am Tag vor Altamont erschien, auch heute nur noch wie eine makabre Prophezeiung.

trablu

gooseman
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Re: Rolling Stones - US Tour 1969 (Rückblick)

Beitrag von gooseman » Do 7. Nov 2019, 08:10

Hey Trablu,
ein fantastischer Bericht! Vielen Dank dafür.
Eine kurze Anmerkung sei noch erlaubt: Mittlerweile gibt es GYYYO ja auch in einer Deluxe Fassung mit den fehlenden Songs und einer Bonus CD mit Ike/Tina und BB King. Sehr empfehlenswert. Wenn ich Gimme Shelter schaue, dann packt mich immer das kalte Grausen. Peace and Love konnte man das wirklich nicht mehr nennen.

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layla
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Re: Rolling Stones - US Tour 1969 (Rückblick)

Beitrag von layla » Do 7. Nov 2019, 09:15

@ trablu
Vielen Dank für diesen tollen Bericht!

Gruß
Layla
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myfatherseye
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Re: Rolling Stones - US Tour 1969 (Rückblick)

Beitrag von myfatherseye » Do 7. Nov 2019, 17:44

Hey trablu!
Du kannst das wirklich! Toll geschrieben!
Danke!

EricsBadge
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Re: Rolling Stones - US Tour 1969 (Rückblick)

Beitrag von EricsBadge » Di 12. Nov 2019, 16:35

Ja, Kompliment für diesen Rückblick!
Bin immer auf der Suche nach alten Bildern aus den guten alten Tagen der Rock Musik.
Kürzlich fand ich dieses Bild plus Ticket und Poster der Stones US Tour.
Zwar nicht 1969, aber 3 Jahre später in San Francisco.
Vielleicht auch bald eine schöne Story zu dieser Tour?
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